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Die MS «Hondius» am 11. Mai im Hafen von Praia, Kapverdische Inseln.
Die MS «Hondius» am 11. Mai im Hafen von Praia, Kapverdische Inseln.

Die MS «Hondius» am 11. Mai im Hafen von Praia, Kapverdische Inseln. Bild: Imago

Gesellschaft

Ein Virus geht auf Kreuzfahrt: Die Odyssee der «MS Hondius»

Das Andesvirus sorgte letztmals vor sieben Jahren für einen grösseren Ausbruch in Argentinien. Erfahrungen wie diese zeigen: Kreuzfahrtschiffe bieten ideale Bedingungen – für Krankheitserreger.

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Ein Virus geht auf Kreuzfahrt: Die Odyssee der «MS Hondius»

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Eine unvergessliche «Atlantik-Odyssee» versprach der niederländische Reiseveranstalter Oceanwide Expeditions auf seiner Website. Gemeint war eine insgesamt 23 Nächte dauernde Kreuzfahrt durch den Südatlantik. Sie führte ab dem 1. April von der südargentinischen Hafenstadt Ushuaia auf die südatlantischen Inseln Südgeorgien, Tristan da Cunha und schliesslich St. Helena. Wem das noch nicht reichte, konnte noch die elftägige Hochsee-Verlängerung bis zu den Kapverdischen Inseln hinzubuchen.

«Atlantik-Odyssee» – der Name war Programm, wenn auch unfreiwillig. Denn für die 147 Personen an Bord wurde die Expedition der «MS Hondius» zur Irrfahrt, auf der sie sich mit einer unerwarteten Gefahr konfrontiert sahen: Hantaviren.

Am 6. April, fünf Tage nach Abfahrt, sucht ein 70-jähriger Mann aus den Niederlanden den Schiffsarzt auf und klagt über Kopfschmerzen, Fieber und Durchfall. Bald kommt akute Atemnot hinzu, sein Zustand verschlechtert sich. Am 11. April stirbt der Mann auf hoher See, sein Leichnam wird am 24. April auf St. Helena in Begleitung seiner Ehefrau von Bord gebracht.

Zu diesem Zeitpunkt klagt auch die 69-Jährige über Magen-Darm-Beschwerden. Sie wird tags darauf nach Johannesburg ausgeflogen, von wo sie am selben Tag mit einem regulären KLM-Flug weiter nach Amsterdam reisen möchte. Doch noch vor dem Abflug verschlechtert sich ihr Zustand. Sie wird von Bord geleitet, bricht zusammen und stirbt am 26. April in einem Krankenhaus in Südafrika.

Wenig später Fälle Nummer drei und vier: Ein britischer Passagier meldet sich am 24. April ebenfalls mit Atemnot und Fieber beim Schiffsarzt. Auch er wird nach Südafrika ausgeflogen, wo er seither auf einer Intensivstation liegt. Am 28. April treffen die Symptome noch eine deutsche Passagierin, sie stirbt vier Tage später, als letztes von bisher drei Todesopfern der bis dahin rätselhaften Erkrankungsserie an Bord der «MS Hondius».

Spätestens jetzt dürfte sich allen an Bord der Verdacht aufgedrängt haben, dass es sich hier nicht um eine zufällige Häufung von Erkrankungen handelte. Aber erst am 2. Mai wurde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Verdacht eines möglichen Infektionsgeschehens an Bord mitgeteilt.

An Bord treibt die Andesvariante des Hantavirus ihr Unwesen

Inzwischen ist klar: Die ersten vier Fälle gehen ebenso wie eine Reihe weiterer Infektionen an Bord des Schiffes auf die sogenannte Andesvariante des normalerweise von Nagern übertragenen Hantavirus zurück. Es war offenbar von dem verstorbenen Niederländer an Bord gebracht worden und breitete sich dort aus.

Nach und nach wurden diese Woche weitere Einzelheiten bekannt. So war das niederländische Ehepaar nach Angaben argentinischer Behörden schon seit November in Südamerika unterwegs, zuletzt auch in Regionen, in denen das Andesvirus vorkommt. Das Virus hat eine Inkubationszeit von mehreren Wochen, also könnte sich der Mann schon lange vor Antritt der Kreuzfahrt infiziert haben.

Zudem stellte sich heraus, dass nach der Ankunft auf der Vulkaninsel St. Helena und dem planmässigen Ende des Hauptarms der Kreuzfahrt am 24. April etliche Passagiere das Schiff verliessen und die Heimreise antraten – die Reederei sprach jüngst von 29 Personen aus mindestens 12 Nationen. Unter ihnen war auch ein Schweizer, der inzwischen mit einer bestätigten Infektion im Unispital Zürich liegt.

Hätte man nicht schon bei der Ankunft auf St. Helena von einem Infektionsgeschehen ausgehen und die Passagiere von der Weiterreise abhalten müssen? Dies gehört zu den zahlreichen Fragen, die sich die Reederei nun stellen lassen muss. Momentan werden laut WHO sämtliche von St. Helena Abgereiste nachverfolgt – und im Krankheitsfall auch alle ihre Kontakte.

Was weiss man über die Andesvariante des Hantavirus?

Hantaviren kommen weltweit in Mäusen vor. Menschen können sich in der Regel nur anstecken, wenn sie in grösserem Umfang in Kontakt mit Kot, Urin oder Speichel der Nager kommen. Einzig bekannte Ausnahme: Die Andesvariante von Hanta wird in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch weitergegeben.

Sie kommt ausschliesslich im Süden von Chile und Argentinien vor, wo ihr wichtigster natürlicher Wirt lebt, die Langschwanz-Reisratte. Dort kommt es regelmässig zu Infektionen von Nager zu Mensch. Belegte Fälle von Übertragungen von Mensch zu Mensch sind dagegen selten. Entsprechend dürftig ist auch der medizinische Erfahrungsschatz.

Hantaviren unter dem Elektronenmikroskop. Bild: BSIP / Universal Images Group Editorial

Am besten untersucht ist ein grösserer Ausbruch im Süden Argentiniens, bei dem sich in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt 34 Menschen infizierten und 11 starben. Im «New England Journal of Medicine» veröffentlichten argentinische Wissenschafter 2020 eine detaillierte Analyse des Geschehens.

Diese führt den Ausbruch auf einen Patienten zurück, der sich das Virus auf klassischem Weg von Nagerausscheidungen eingefangen hatte. Trotz bereits merklichen Symptomen besuchte dieser sogenannte Indexpatient («Patient null») eine Geburtstagsfeier mit rund hundert Gästen. Etwa drei Wochen später klagten dann fünf Partygäste, die dicht beim Indexpatienten gesessen hatten, ebenfalls über typische Symptome des «Hantavirus-induzierten kardiopulmonalen Syndroms».

Auch «Patient zwei» wurde zu einem Superspreader: Aufgrund seines «aktiven Soziallebens» (so die Forscher) infizierte der Mann in der frühen symptomatischen Phase seiner Krankheit sechs weitere Personen. Bei seiner späteren Beerdigung fieberte seine Frau bereits – und steckte während der Zeremonie weitere zehn Personen an.

Der Fall zeigt: Eine Ansteckung erfordert zwar längeren und engeren Kontakt, nicht aber unbedingt den aktiven Austausch von Körperflüssigkeiten, wie in letzter Zeit öfter zu lesen war – für eine Tröpfcheninfektion reicht auch eine feuchte Aussprache. Am grössten war die Ansteckungsgefahr am Tag des ersten Auftretens leichter Symptome. Der Fall zeigt aber auch: Mit entsprechenden Massnahmen lässt sich ein Ausbruch gut einhegen. Nach Einschätzung der WHO hat das Virus auch im gegenwärtigen Geschehen daher nicht das Zeug für eine Pandemie.

Sind Kreuzfahrtschiffe schwimmende Inkubatoren?

Geburtstagspartys und Beerdigungen dauern nur wenige Stunden, Kreuzfahrten dagegen dauern Wochen und pferchen teilweise Tausende von Menschen auf engstem Raum zusammen. Hinzu kommen gemeinsame Buffets, zirkulierende Luft und ein eher fortgeschrittenes Durchschnittsalter, das Passagiere anfälliger macht. Man muss nicht Epidemiologe sein, um zu erkennen: Krankheitserreger lieben Kreuzfahrten.

Tatsächlich ist die Liste schwerer Ausbrüche von Infektionskrankheiten auf grossen Kreuzfahrtschiffen lang und bedenklich. Insbesondere das Norovirus zwingt Vergnügungsdampfer immer wieder zu ungeplanten Zwischenstopps für eine Desinfektion. So erkrankten vor einem Jahr mehr als 240 Passagiere der «Queen Mary 2» an der heftigen und hochansteckenden Durchfallerkrankung. Auch Legionellen werden immer wieder zum Problem. Diese Bakterien nisten sich oft in Wasserleitungen und Klimaanlagen ein und können schwere Lungenentzündungen auslösen.

Zu schwimmenden Inkubatoren wurden Kreuzfahrtschiffe auch zu Beginn der Covid-Pandemie. Prominentestes Beispiel: Am 5. Februar 2020 wurde die «Diamond Princess» mit 3711 Personen an Bord im japanischen Yokohama unter Quarantäne gestellt. An Bord kam es zu mehr als 700 Infektionen mit dem Coronavirus. 32 davon verliefen kritisch, 7 Menschen starben.

Dabei ist das Gesundheitsrisiko auf Kreuzfahrten heutzutage verschwindend gering im Vergleich zur Frühzeit der Vergnügungsdampfer im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals grassierten vor allem in den unteren Decks noch echte Seuchen wie Typhus und Cholera.

Als Schritt in eine bessere Zukunft und leuchtendes Vorbild galt ein 1912 fertiggestellter Ozean-Liner der britischen White Star Line. Das grösste Passagierschiff seiner Zeit verfügte über ein komplettes Hospital und eine Isolierstation mit eigenem Belüftungssystem. Doch bei aller medizinischen Vorsorge hatten sich die Erbauer der RMS «Titanic» zu wenig Gedanken über ein ganz anderes Risiko gemacht: Eisberge.

Georg Rüschemeyer, «NZZ am Sonntag» (10.05.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

3 - Gesundheit und Wohlergehen

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