Logo image

Sustainable Switzerland Forum

21. Oktober 2026, THE HALL

Thinking ahead – am SSF26

Seien Sie dabei.

Jetzt Ticket sichern
Projektunterricht an der Gesamtschule Unterstrass.
Projektunterricht an der Gesamtschule Unterstrass.

Bildungserfolg hängt nicht nur von Begabung ab, sondern auch davon, wer Unterstützung erhält: Projektunterricht an der Gesamtschule Unterstrass. Bild: Michele Limina/NZZ

Gesellschaft

Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz: ein Realitätscheck

Bildungsgerechtigkeit klingt einfach, ist aber hochkomplex. Zwischen früher Förderung, sozialem Umfeld und schulischer Selektion entscheidet sich, welche Chancen Kinder haben – und welche nicht.

0

Teilen
Hören
Logo image

Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz: ein Realitätscheck

Teilen
Hören

5 Min.  •   • 

Bildungsgerechtigkeit ist dann erreicht, wenn Geschlecht, soziale Herkunft oder Nationalität die Bildungschancen nicht beeinflussen. Was sich in einem Satz formulieren lässt, ist in der Realität deutlich komplizierter. «Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen», erklärt Katharina Maag Merki, Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich. «Zu viele Kinder – rund 25 Prozent – erreichen die Lernziele nicht.» Kinder aus bildungsnahen Familien schneiden weiterhin häufig besser ab. «Das zeigt: Junge Menschen werden zu wenig unterstützt. Individuelle Voraussetzungen haben noch immer einen zu grossen Einfluss.»

Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei den Schulen. Katharina Maag Merki veranschaulicht Bildungsbenachteiligungen gern mit dem Bild eines Hochhauses. In der ersten Etage liegt die Vorschule, darüber die öffentliche Schule, gefolgt von Gemeinde, Kanton und Staat. Auf jeder dieser Ebenen können Benachteiligungen entstehen. «Bildungspolitik ist auch Sozialpolitik und Wohnpolitik», fasst Maag Merki zusammen. «Wo ein Kind aufwächst – in welchem Kanton, in welcher Gemeinde und in welchem Quartier – ist bedeutsam.»

Katharina Maag Merki, Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich

Gerade die erste Etage, die frühe Förderung, hat in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Universität Basel hat etwa einen spezialisierten Fragebogen entwickelt, der den Sprachstand von Kindern im Alter von 2.5 bis 3.5 Jahren erfasst. Zahlreiche Kantone und Gemeinden nutzen das Dokument, um Förderbedarf vor dem Kindergarteneintritt zu erkennen. Auch der Kanton Basel-Landschaft hat sich in den letzten Jahren mit Überzeugung dafür entschieden, den Fokus auf die Förderung der Bildungssprache in der frühen Kindheit zu legen.

Sprache als Eintrittskarte zur Bildung

«Sprache ist der Schlüssel zur Welt», betont Manuela Hofbauer, Koordinatorin frühe Sprachförderung Basel-Landschaft. Sie organisiert die Sprachstandserhebungen im ganzen Kanton. «Langzeitstudien zeigen, dass sich sprachliche Hindernisse am Anfang der Schullaufbahn stark auf die Leistungen auswirken und nie ganz aufgeholt werden können.» Trotzdem ist es noch immer ein Novum, dass der Vorschulbereich vom Kanton unterstützt wird.

Manuela Hofbauer, Koordinatorin frühe Sprachförderung Basel-Landschaft

Mit der einstimmigen Annahme des Sprachfördergesetzes im Jahr 2024 wurde im Kanton Basel-Landschaft die Grundlage geschaffen. Eltern sind verpflichtet, den Sprachstands-Fragebogen auszufüllen. Was danach geschieht, entscheiden die Gemeinden. Wird Förderbedarf erkannt, werden zum Beispiel Bildungsgutscheine für Kitas oder Spielgruppen verteilt. Ziel ist es, Eltern für die Bedeutung der Sprache zu sensibilisieren und so die Startchancen der Kinder zu verbessern.

Warum Durchmischung hilft

Die Sprache gilt demnach als zentrales Instrument, um faire Startbedingungen zu entwickeln. Nicht nur für einzelne Kinder, sondern für ganze Klassen. Der Bildungsbericht 2026 der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) zeigt auf, dass Kinder aus bildungsfernen oder fremdsprachigen Familien ein grösseres Risiko haben, schulisch schlechter abzuschneiden. Häufen sich solche Faktoren in einer Klasse, verstärken sich die Effekte. Ab einem Anteil von 40 bis 50 Prozent kann dies auch die Leistungen anderer Kinder beeinflussen. Die Klasseneinteilung hat dementsprechend einen Einfluss auf die Bildungsgerechtigkeit für alle.

In der Zusammensetzung einer Schulklasse sieht auch Professorin Maag Merki eine Ressource. «Eine Konzentration von Kindern mit grosser Bildungsferne ist sicher ungünstig», bestätigt sie, «eine Mischung von Leistung- und Sprachfertigkeiten ist ideal, so, dass alle voneinander profitieren.» Auf Seite 80 des 404 Seiten starken Bildungsberichts 2026 wird das Fazit gezogen: «Eine durchmischte, nicht zu homogene Zusammensetzung fördert die soziale Integration und die Notwendigkeit, die gemeinsame Schulsprache zu verwenden.» Zudem wird festgehalten, dass eine hohe Heterogenität positive Effekte auf soziale und andere nicht-kognitive Kompetenzen wie interkulturelle Kommunikationsfähigkeit und Teamfähigkeit haben kann. Damit werden in durchmischten Klassen überfachliche Kompetenzen gestärkt, deren Einfluss auf die spätere Berufslaufbahn durchaus positiv ist, sich aber nicht in den Noten abbildet.

Die Macht der Noten

Noten sind denn auch eine weitere Quelle möglicher Bildungsungerechtigkeit. «Die Beurteilung gehört zum Kerngeschäft jeder Lehrperson», führt Maag Merki aus. «Doch Studien zeigen: Kinder erhalten je nach Hintergrund unterschiedliche Noten – bei gleicher Leistung.» Auch der Bildungsbericht dieses Jahres weist auf Verzerrungen bei der Leistungsbeurteilungen durch Lehrpersonen hin und unterstreicht die Bedeutung, wie Beurteilungen vorgenommen werden. Nicht nur die Leistungserwartung der Lehrpersonen, sondern auch ihre Beurteilung von Schülerleistungen durch unbewusste Stereotype können die Bewertung beeinflussen.

«Wie komme ich zu meiner Beurteilung?» – Eine Frage, die sich Entscheidungsträger:innen immer wieder stellen müssen. «Es steckt keine Absicht dahinter», fügt die Professorin der Universität Zürich hinzu. «Aber wir sehen zum Beispiel, dass Buben oder auch Kinder mit höherem Körpergewicht tendenziell schlechter bewertet werden. Zudem empfehlen die Lehrpersonen eher die Sekundarschule, wenn den Eltern – trotz hoher Leistung des Kindes – die Unterstützung ihrer Tochter oder ihres Sohnes im Gymnasium nicht zugetraut wird. Deshalb kann die Bildungsbenachteiligung reduziert werden, wenn Lehrpersonen gemeinsame Standards miteinander besprechen und bei der Beurteilung der Kinder unterschiedliche Perspektiven einfliessen lassen», führt Maag Merki weiter aus. Insbesondere, wenn die Beurteilung sich in Zeugnisnoten niederschlägt. Denn diese sind nach wie vor die Goldwährung unseres Schulsystems für die Selektion.

Die Selektion geschieht in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr früh. «Es zeigt sich, dass in Ländern, in denen die Selektion nach der obligatorischen Schulzeit, also nach 8 oder 9 Jahren geschieht, mehr Bildungsgerechtigkeit besteht», führt Maag Merki aus. «Fakt ist, dass immer dort, wo Übergänge stattfinden, die Bildungsgerechtigkeit in Gefahr ist», fasst die Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse zusammen. «Ziel muss es sein, all diese Hürden abzuschaffen oder zumindest zu reduzieren, dass alle dieselben Chancen haben.»

Ein Ziel, das der Kanton Basel-Landschaft beim Übergang in den Kindergarten mit den Sprachstandserhebungen erreichen möchte. Wie sich an der Rücklaufquote zeigt, sind auch Eltern motiviert, ihren Kindern einen guten Start zu verschaffen: Ende Januar wurden bereits 90 Prozent der Fragebogen retourniert, letztes Jahr lag die Rücklaufquote Ende Sprachstandserhebung bei 96 Prozent. Eltern, Betreuungs- und Bildungsinstitutionen im Frühbereich, Schulen, Gemeinden und Kantone sind interessiert, Lösungen für eine komplexe Fragestellung zu finden. Denn – so zeigt sich – Bildungsgerechtigkeit beinhaltet unzählige Faktoren, die zusammenspielen. Sie zu fördern, bleibt eine Herausforderung. Zu viele Faktoren spielen zusammen, von der Herkunft über die Schulstruktur bis zur Bildungspolitik. Oder anders gesagt: Chancengleichheit entsteht nicht von selbst. Sie muss auf jeder Etage des Hochhauses immer wieder neu erarbeitet werden.

Deklaration: Dieser Artikel erschien erstmals am 12. April 2026 im Schwerpunkt Bildung der «NZZ am Sonntag».

Werbung

Beliebteste Artikel

Empfohlene Artikel für Sie

Bildung
play button
Gesellschaft

Wann muss Nachhaltigkeit in der Bildung anfangen?

Warum gehen wir nicht raus? Die Schule der Zukunft findet unter freiem Himmel statt
Gesellschaft

Warum gehen wir nicht raus? Die Schule der Zukunft findet unter freiem Himmel statt

Porträtaufnahme von Simone Nägeli. Sie lächelt in die Kamera; grauer Hoodie mit «Acker»-Logo, Backsteinwand im Hintergrund.
Sustainable Shapers

Bildung, die wächst: Dank Simone Nägeli wird Nachhaltigkeit zur Routine

Ähnliche Artikel

Projektunterricht an der Gesamtschule Unterstrass.
Gesellschaft

Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz: ein Realitätscheck

Wie nachhaltig ist die Hochschullandschaft Schweiz?
Gesellschaft

Wie nachhaltig ist die Hochschullandschaft Schweiz?

Foto: Powercoders Switzerland
Gesellschaft

Mit Bildung Zukunft schenken