Mit der einstimmigen Annahme des Sprachfördergesetzes im Jahr 2024 wurde im Kanton Basel-Landschaft die Grundlage geschaffen. Eltern sind verpflichtet, den Sprachstands-Fragebogen auszufüllen. Was danach geschieht, entscheiden die Gemeinden. Wird Förderbedarf erkannt, werden zum Beispiel Bildungsgutscheine für Kitas oder Spielgruppen verteilt. Ziel ist es, Eltern für die Bedeutung der Sprache zu sensibilisieren und so die Startchancen der Kinder zu verbessern.
Warum Durchmischung hilft
Die Sprache gilt demnach als zentrales Instrument, um faire Startbedingungen zu entwickeln. Nicht nur für einzelne Kinder, sondern für ganze Klassen. Der Bildungsbericht 2026 der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) zeigt auf, dass Kinder aus bildungsfernen oder fremdsprachigen Familien ein grösseres Risiko haben, schulisch schlechter abzuschneiden. Häufen sich solche Faktoren in einer Klasse, verstärken sich die Effekte. Ab einem Anteil von 40 bis 50 Prozent kann dies auch die Leistungen anderer Kinder beeinflussen. Die Klasseneinteilung hat dementsprechend einen Einfluss auf die Bildungsgerechtigkeit für alle.
In der Zusammensetzung einer Schulklasse sieht auch Professorin Maag Merki eine Ressource. «Eine Konzentration von Kindern mit grosser Bildungsferne ist sicher ungünstig», bestätigt sie, «eine Mischung von Leistung- und Sprachfertigkeiten ist ideal, so, dass alle voneinander profitieren.» Auf Seite 80 des 404 Seiten starken Bildungsberichts 2026 wird das Fazit gezogen: «Eine durchmischte, nicht zu homogene Zusammensetzung fördert die soziale Integration und die Notwendigkeit, die gemeinsame Schulsprache zu verwenden.» Zudem wird festgehalten, dass eine hohe Heterogenität positive Effekte auf soziale und andere nicht-kognitive Kompetenzen wie interkulturelle Kommunikationsfähigkeit und Teamfähigkeit haben kann. Damit werden in durchmischten Klassen überfachliche Kompetenzen gestärkt, deren Einfluss auf die spätere Berufslaufbahn durchaus positiv ist, sich aber nicht in den Noten abbildet.
Die Macht der Noten
Noten sind denn auch eine weitere Quelle möglicher Bildungsungerechtigkeit. «Die Beurteilung gehört zum Kerngeschäft jeder Lehrperson», führt Maag Merki aus. «Doch Studien zeigen: Kinder erhalten je nach Hintergrund unterschiedliche Noten – bei gleicher Leistung.» Auch der Bildungsbericht dieses Jahres weist auf Verzerrungen bei der Leistungsbeurteilungen durch Lehrpersonen hin und unterstreicht die Bedeutung, wie Beurteilungen vorgenommen werden. Nicht nur die Leistungserwartung der Lehrpersonen, sondern auch ihre Beurteilung von Schülerleistungen durch unbewusste Stereotype können die Bewertung beeinflussen.
«Wie komme ich zu meiner Beurteilung?» – Eine Frage, die sich Entscheidungsträger:innen immer wieder stellen müssen. «Es steckt keine Absicht dahinter», fügt die Professorin der Universität Zürich hinzu. «Aber wir sehen zum Beispiel, dass Buben oder auch Kinder mit höherem Körpergewicht tendenziell schlechter bewertet werden. Zudem empfehlen die Lehrpersonen eher die Sekundarschule, wenn den Eltern – trotz hoher Leistung des Kindes – die Unterstützung ihrer Tochter oder ihres Sohnes im Gymnasium nicht zugetraut wird. Deshalb kann die Bildungsbenachteiligung reduziert werden, wenn Lehrpersonen gemeinsame Standards miteinander besprechen und bei der Beurteilung der Kinder unterschiedliche Perspektiven einfliessen lassen», führt Maag Merki weiter aus. Insbesondere, wenn die Beurteilung sich in Zeugnisnoten niederschlägt. Denn diese sind nach wie vor die Goldwährung unseres Schulsystems für die Selektion.
Die Selektion geschieht in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr früh. «Es zeigt sich, dass in Ländern, in denen die Selektion nach der obligatorischen Schulzeit, also nach 8 oder 9 Jahren geschieht, mehr Bildungsgerechtigkeit besteht», führt Maag Merki aus. «Fakt ist, dass immer dort, wo Übergänge stattfinden, die Bildungsgerechtigkeit in Gefahr ist», fasst die Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse zusammen. «Ziel muss es sein, all diese Hürden abzuschaffen oder zumindest zu reduzieren, dass alle dieselben Chancen haben.»
Ein Ziel, das der Kanton Basel-Landschaft beim Übergang in den Kindergarten mit den Sprachstandserhebungen erreichen möchte. Wie sich an der Rücklaufquote zeigt, sind auch Eltern motiviert, ihren Kindern einen guten Start zu verschaffen: Ende Januar wurden bereits 90 Prozent der Fragebogen retourniert, letztes Jahr lag die Rücklaufquote Ende Sprachstandserhebung bei 96 Prozent. Eltern, Betreuungs- und Bildungsinstitutionen im Frühbereich, Schulen, Gemeinden und Kantone sind interessiert, Lösungen für eine komplexe Fragestellung zu finden. Denn – so zeigt sich – Bildungsgerechtigkeit beinhaltet unzählige Faktoren, die zusammenspielen. Sie zu fördern, bleibt eine Herausforderung. Zu viele Faktoren spielen zusammen, von der Herkunft über die Schulstruktur bis zur Bildungspolitik. Oder anders gesagt: Chancengleichheit entsteht nicht von selbst. Sie muss auf jeder Etage des Hochhauses immer wieder neu erarbeitet werden.