Warum zu wenig über die Risiken einer wärmenden Welt gesprochen wird
Felsstürze in den Alpen, Hitzewellen bei der Fussball-WM: Der Klimawandel verändert Gefahren weltweit – und zwingt zum Umdenken beim Umgang mit Risiken.
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Die Luftaufnahme vom 29. Mai 2025 zeigt das Ausmass der gewaltigen Lawine, die durch den Abbruch des Birchgletschers ausgelöst wurde und das Dorf Blatten zerstörte. Bild: Keystone
Felsstürze in den Alpen, Hitzewellen bei der Fussball-WM: Der Klimawandel verändert Gefahren weltweit – und zwingt zum Umdenken beim Umgang mit Risiken.
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4 Min. • • Kalina Oroschakoff
Der Klimawandel verändert das Risikoprofil der Berge, viele Gefahren nehmen zu. Unter anderem kann die Stabilität von Felswänden infolge steigender Temperaturen beeinträchtigt sein. Aber nicht überall und nicht immer steigen die Gefahren.
Der Bergsturz von Blatten war kein isoliertes Warnsignal. In den kommenden Monaten könnten neue Hitzewellen und Extremereignisse erneut zeigen, wie wichtig es ist, Risiken in einer sich erwärmenden Welt richtig einzuschätzen und die Bevölkerung darauf vorzubereiten.
El Niño verschärft die Risiken einer warmen Welt
Anfang Juni verschickte die in Genf sitzende Weltwetterorganisation WMO die folgende Nachricht: «Bereitet euch auf El Niño vor.»
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, bei dem sich Teile des tropischen Pazifiks ungewöhnlich stark erwärmen. Die Folgen reichen weit über die Region hinaus und beeinflussen weltweit Temperatur- und Niederschlagsmuster. In der Regel bedeutet das: wärmere Temperaturen. In diesem Jahr ist das Meerwasser im tropischen Pazifik laut der WMO jedoch «ungewöhnlich warm».
«Wir müssen uns auf ein möglicherweise starkes El-Niño-Ereignis vorbereiten – das Dürren und Starkregen verschärfen und das Risiko von Hitzewellen sowohl an Land als auch im Ozean erhöhen wird», sagte WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo.
Das könnte in manchen Regionen auch die Ernten von Weizen und Reis beeinträchtigen. Die Folgen wären nicht nur auf die betroffenen Orte beschränkt. Schlechtere Ernten könnten auch in der Schweiz über gestörte Lieferketten und steigende Lebensmittelpreise spürbar werden. Auch der Klimaforscher Nicolas Gruber von der ETH Zürich erwartet für die Schweiz vor allem indirekte Folgen. El Niño dürfte sich hier weniger im Wetter bemerkbar machen als über gestörte Lieferketten und Einbussen bei der weltweiten Produktion von Agrargütern wie Kakao.
Schon jetzt zeichnen sich die Auswirkungen von El Niño weltweit ab: «Für Juni bis August werden fast überall überdurchschnittliche Temperaturen vorhergesagt», schrieb die WMO. Wie konkret diese Risiken für die Bevölkerung werden können, zeigt sich derzeit an einem unerwarteten Ort: der Fussballweltmeisterschaft in Nordamerika.
Die WM erzwingt eine Debatte über die Hitze und ihre Folgen
Wie El Niño und der menschengemachte Klimawandel zusammenwirken, beschäftigt die Klimaforschung seit Jahren. In der breiten Öffentlichkeit spielt diese Debatte dagegen bislang nur eine geringe Rolle. Das könnte sich in diesem Jahr jedoch ändern.
Carolyn Kissane von der New York University argumentiert, dass die Weltmeisterschaft exemplarisch zeige, wie klimabedingte Belastungen inzwischen nahezu alle Bereiche moderner Gesellschaften beeinflussen. Sie reichen von Grossveranstaltungen bis hin zur kritischen Infrastruktur. El Niño, extreme Hitze und geopolitische Konflikte offenbarten «das Zeitalter der Mehrfachrisiken», schreibt sie.
Bereits Monate vor dem Fussballturnier warnten Forscher vor den gesundheitlichen Risiken für Spieler und Zuschauer. «Hohe Temperaturen in Verbindung mit hoher Luftfeuchtigkeit können für den menschlichen Körper sehr gefährlich sein», schrieb die Gruppe World Weather Attribution Mitte Mai. Das sei natürlich besonders bei anstrengenden körperlichen Aktivitäten der Fall. Spieler und Zuschauer müssten sich also auf die Hitze in diesem Jahr vorbereiten.
Frankreichs Spieler legen bei extremer Hitze während eines Trainings im Rahmen der Fussball-Weltmeisterschaft in den USA eine Pause ein. Bild: Keystone
Zwar kam es auch bei der Weltmeisterschaft im Jahr 1994 in den USA zu Hitzewellen. Aber diese waren weit weniger verbreitet, als es heute wegen des Klimawandels der Fall ist, schreiben die WWA-Forscher.
WWA hat sich vor allem auf dem Feld der sogenannten Attributionsforschung einen Namen gemacht; nach einem Extremwetterereignis versucht die Gruppe, so schnell wie möglich den Fussabdruck des Klimawandels zu berechnen.
Die Forschung soll jedoch nicht nur den Einfluss des Klimawandels auf einzelne Ereignisse beziffern. Sie macht auch deutlich, dass sich Gesellschaften auf eine Zukunft einstellen müssen, in der Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Starkregen wahrscheinlicher oder intensiver werden können. Das gilt auch dann, wenn sich Zeitpunkt, Ausmass und Ort einzelner Ereignisse nicht präzise vorhersagen lassen.
Der Test für moderne Gesellschaften
Für Kissane stellt sich in diesem El-Nino-Jahr vor allem die Frage: «Was passiert, wenn mehrere Risiken gleichzeitig eintreten?»
Die Weltwirtschaft kämpfe bereits mit Kriegsfolgen, gestiegenen Energiekosten, einer überlasteten Infrastruktur, anhaltender Inflation und wachsenden Anforderungen an die Stromversorgungssysteme, schreibt Kissane. Viele kritische Systeme stünden bereits unter Belastung, sagt sie.
Der bevorstehende Sommer könnte zum Test dafür werden, wie widerstandsfähig unsere Gesellschaften gegenüber solchen Mehrfachbelastungen tatsächlich sind. Auch der Bergsturz in Blatten wurde zum Anlass, in der Schweiz und darüber hinaus grundsätzlicher über die Vorbereitung auf eine Welt mit sich überlagernden Risiken nachzudenken.
Künftig wird es weniger darum gehen, einzelne Herausforderungen zu meistern – ob Klimawandel, künstliche Intelligenz oder Energiesicherheit. Vielmehr wird es darum gehen, deren Wechselwirkungen zu managen und sich auf Risiken vorzubereiten, die wir bislang nur unzureichend verstehen und modellieren können.
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