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Korallenbleiche vor Djibouti nach dem El-Niño-Ereignis von 2023.
Korallenbleiche vor Djibouti nach dem El-Niño-Ereignis von 2023.

L Wimages / TRSC

Lebensräume

Korallen im Roten Meer überleben auch grosse Hitze. Das könnte im Klimawandel hilfreich sein

Vielerorts sterben die Korallenriffe ab. Doch manche Korallenarten zeigen viel Widerstandskraft. Was bedeutet das für die Zukunft der Riffe?

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Korallen im Roten Meer überleben auch grosse Hitze. Das könnte im Klimawandel hilfreich sein

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Als der Meeresbiologe Guilhem Banc-Prandi im Herbst 2025 in die Riffe vor Djibouti und Eritrea tauchte, rechnete er mit dem Schlimmsten. Gemeinsam mit regionalen Partnern hatte er die gleichen Stellen zuletzt im Spätsommer 2023 und 2024 untersucht – während einer globalen Hitzewelle, verstärkt durch das Pazifikphänomen El Niño. Damals beschädigten die Rekordtemperaturen im Süden des Roten Meeres grosse Teile der Riffe erheblich. Vor Eritrea schrumpfte die lebende Korallendecke mancherorts auf kaum mehr als wenige Prozent der ursprünglichen Fläche.

«Wir dachten, wir fänden nur noch stark beschädigte Riffe vor», sagt Banc-Prandi. Der Meeresbiologe von der École polytechnique fédérale de Lausanne ist auch der wissenschaftliche Direktor des Transnational Red Sea Center.

Quelle: ICRINZZ / svt.

Immer mehr Korallenriffe erleiden eine Bleiche Anteil der gebleichten Riffe bei globalen Bleichereignissen (in Prozent)

Was er und seine Kollegen im Herbst 2025 dann sahen, überraschte den Forscher. «Neun Monate später hatten einige Riffe in Eritrea bereits wieder etwas über 10 Prozent Korallenbedeckung erreicht», erzählt er. «Keine Rückkehr zu idealen Bedingungen, aber eine bemerkenswert schnelle Erholung.» Überlebt hatten vor allem massive, robuste Korallenformen; die filigranen, verzweigten Arten waren verschwunden.

Dass sich diese Riffe überhaupt wieder erholen, wirkt wie ein kleiner Hoffnungsschimmer. Erst im Oktober 2025 kam der «Global Tipping Points Report» zu dem Schluss, dass viele Warmwasserkorallen, also die tropischen Riffkorallen, ihren Kipppunkt bereits überschritten hätten.

Doch das Rote Meer zeigt ein anderes Bild. Zwar gibt es auch anderswo einzelne tropische Korallen oder Riffe, die hohe Temperaturen erstaunlich gut verkraften. Doch das Rote Meer beherbergt das grösste zusammenhängende Gebiet aussergewöhnlich hitzeresistenter Korallen. In den vergangenen Jahren haben Wissenschafter herausgefunden, warum das so ist – und dass Korallen sogar wandern können.

Wie die Korallen im Roten Meer hitzeresistent wurden

Die besondere Widerstandskraft habe eine lange Vorgeschichte, erklärt Banc-Prandi. Während der letzten Eiszeit war das Rote Meer fast vollständig vom Indischen Ozean abgeschnitten. Das Meer wurde extrem salzig – so salzig, dass nur wenige, besonders widerstandsfähige Arten überlebten.

Als der Meeresspiegel wieder stieg, strömte frisches Meerwasser durch die südliche Meerenge Bab al-Mandab ins Rote Meer, und mit ihm gelangten neue Korallenlarven hinein. Korallen selbst können sich nicht bewegen, aber ihre winzigen Larven treiben mit den Strömungen, oft über grosse Entfernungen. Bevor sie weiter nach Norden treiben konnten, mussten diese Larven den Süden des Roten Meeres überstehen, wo das Wasser bis heute aussergewöhnlich heiss und salzig ist. Nur die robustesten überlebten und konnten sich dort ansiedeln.

Guilhem Banc-Prandi / TRSC

Unberührtes Riff im Golf von Akaba im Roten Meer.

Um zu verstehen, wie sich die Riffe entwickeln und wie gut sie Belastungen standhalten, braucht es präzise und vergleichbare Daten über ihren gegenwärtigen Zustand. Das Red Sea Center setzt dafür auf moderne Technologien: Mit der sogenannten Deep-Reef-Map-Methode entstehen aus Videoaufnahmen detaillierte 3-D-Modelle der Riffe, und genetische Analysen von Materialproben aus der Umwelt zeigten, welche Arten dort leben.

«Dieser Ansatz ermöglicht es uns, Hotspots besonders verletzlicher und besonders widerstandsfähiger Riffe klar zu erkennen – zusammen mit unseren Partnern am Roten Meer», erklärt Banc-Prandi. Die gesammelten Daten können dann in die Planung neuer, besser geschützter Meeresgebiete einfliessen – zum Beispiel vor den Küsten von Djibouti, Jordanien, Eritrea oder dem Sudan.

Über viele Generationen drifteten Larven dieser besonders widerstandsfähigen Korallen weiter bis in den Norden des Roten Meeres. Dort leben sie heute in deutlich kühlerem Wasser. Die aussergewöhnliche Hitzetoleranz ihrer Vorfahren haben sie aber behalten. «Diese Korallen haben einen natürlichen Puffer gegen steigende Wassertemperaturen. Solange sich die Meereserwärmung nicht viel stärker beschleunigt als derzeit erwartet, könnte dieser Puffer bis zum Ende des Jahrhunderts ausreichen», sagt Banc-Prandi.

Tropische Weichkorallen erobern neue Lebensräume

Während die Korallen im Roten Meer der Meereserwärmung standhalten, breiten sich tropische Korallen andernorts in neue Regionen aus – zum Beispiel ins Mittelmeer. 2023 entdeckten Forschende vor der israelischen Küste überraschend eine Kolonie dichter, farbiger Weichkorallen. Sie hatten sich an einer Gasplattform in 15 bis 20 Metern Tiefe angesiedelt.

Genanalysen zeigten: Es handelt sich um Dendronephthya hemprichi, eine tropische Art aus dem Roten Meer. Noch nie zuvor wurde diese Koralle im Mittelmeer in solcher Menge gesichtet.

Guilhem Banc-Prandi / TRSC

Flache Riffe im Golf von Akaba, fotografiert aus der Luft.

Dass Arten über den Suezkanal einwandern, ist seit Jahrzehnten bekannt; rund neunhundert solcher «Lessepsschen Migranten» sind dokumentiert. Doch der Suezkanal ist seit über 150 Jahren geöffnet. Dass eine tropische Weichkoralle plötzlich erfolgreich im Mittelmeer auftaucht, überrascht daher selbst Experten wie Yehuda Benayahu, emeritierten Professor für marine Biologie an der Universität Tel Aviv.

Ein Grund für die Ausbreitung der Korallen liege im rasch wärmer werdenden Mittelmeer, vermutet Benayahu. Auch früher seien Larven mit den Strömungen ins Mittelmeer gelangt – doch das Wasser sei zu kalt gewesen, als dass sie sich dort hätten niederlassen können. «Mittlerweile ist der Winter kaum noch kalt genug, um tropische Arten abzuhalten», sagt er.

Welche Folgen Dendronephthya für die heimischen Arten im Mittelmeer hat, weiss bis jetzt niemand so genau. Die Art gilt als invasiv, doch «im Moment sehen wir keine eindeutigen negativen Auswirkungen», sagt Benayahu. «Aber es ist noch zu früh, um sicher zu sein, wie sich das entwickeln wird.»

Die Weichkoralle wird sich vermutlich weiter ausbreiten. Das liegt nicht nur an der Erwärmung, sondern auch an ihrer Biologie. Sie kann das ganze Jahr über Larven produzieren und sich zusätzlich ungeschlechtlich vermehren: Kleine Stücke brechen ab, sinken zu Boden und wachsen dort weiter. «Ein doppeltes Erfolgsrezept», sagt Benayahu.

Doch trotz ihrer schnellen Ausbreitung ersetzt die Weichkoralle kein echtes Riff. Sie baut keine Kalkskelette wie Steinkorallen, sondern überzieht vorhandene Strukturen wie ein lebendiger Teppich. Ein Korallenriff – eine massive Kalklandschaft, die über Jahrtausende bis Millionen Jahre entsteht – kann sie also nicht bilden. Benayahu schliesst aber nicht aus, dass in Zukunft auch andere tropische Korallenarten ins Mittelmeer gelangen könnten, sogar Steinkorallen.

Wandern Korallen in kühlere Regionen?

Tropische Korallen erobern also neue Regionen. Könnte diese Wanderung in andere Meeresgebiete dabei helfen, zumindest einige Arten zu retten?

Eine globale Modellstudie des britischen Forschers Noam Vogt-Vincent zeigt: Prinzipiell können sich Korallen zwar in Richtung der Pole ausbreiten, aber viel zu langsam, um den schnellen Verlust in den Tropen auszugleichen. Das Modell wurde mit Daten aus dem Indopazifik und der Karibik getestet. Das Fazit: Der mögliche Zugewinn in kühleren Regionen ist winzig – weniger als ein Prozent dessen, was in den Tropen verlorengeht.

Guilhem Banc-Prandi / TRSC

Wissenschafter filmen Riffe im Meeresschutzgebiet von Akaba. Anhand dieser Filme erstellen sie anschliessend präzise 3-D-Modelle.

Schutzmassnahmen für die Korallen

Was bedeutet das für die Zukunft der Korallen? Damit möglichst viele Korallen überleben, sind für Banc-Prandi zwei Massnahmen unentbehrlich. Erstens müssen die Treibhausgasemissionen schnell und drastisch sinken. Zweitens müssen lokale Belastungen erkannt und verringert werden. Viele Riffe verlieren ihre Hitzetoleranz nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch durch Stressfaktoren wie Fischerei, unzureichende Abwasserbehandlung, Nährstoffeinträge, Mikroplastik oder unregulierten Tourismus.

«Ein übernutztes oder verschmutztes Riff hält Hitze schlechter aus – es bricht schneller zusammen», sagt der Meeresbiologe. «Die einzige Möglichkeit, wie die Riffe des Roten Meeres sich weiterhin an steigende Temperaturen anpassen können, ist, sie durch effizienteres Riffmanagement vor diesen lokalen Belastungen zu schützen.» Deshalb setzt er auf passive Wiederherstellung: Riffe nicht künstlich «reparieren», sondern sie so schützen, dass natürliche Erholung möglich bleibt.

Hier kommt das Transnational Red Sea Center ins Spiel. Mit Unterstützung des Schweizer Aussenministeriums berät es Regierungen, hilft beim Aufbau grenzüberschreitender Überwachungsprogramme für Korallenriffe und unterstützt die Einrichtung wirksamerer Schutzgebiete.

In Eritrea und Djibouti fliessen die Daten der Deep Reef Map zum Beispiel direkt in die Küstenplanung ein. «Viele Massnahmen lassen sich leicht umsetzen», sagt Banc-Prandi. «Bessere Abwasserbehandlung, strengere Regulierung der Fischerei, weniger Sedimente durch Küstenbau, gut gesteuerter Tourismus oder besser durchgesetzte Meeresschutzgebiete.» All dies seien konkrete Schritte mit grosser Wirkung.

«In diesen Zeiten ist es leicht, bei Korallen pessimistisch zu werden», sagt der Meeresbiologe. Doch er sieht auch Gründe für Optimismus. «Wenn man vor Ländern wie Eritrea oder Djibouti taucht und sieht, wie schnell sich Riffe erholen, sobald man sie in Ruhe lässt – und wie entschlossen unsere regionalen Partner sind, sie trotz vielen anderen dringenden Problemen zu schützen –, dann merkt man: Der Einsatz lohnt sich, und er kann wirklich erfolgreich sein.»

Elena Matera, «NZZ am Sonntag» (05.01.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

13 - Massnahmen zum Klimaschutz
14 - Leben unter Wasser

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